kambodscha mit kind
Langzeitreise

Wer bin ich hier eigentlich in Kampot?

3 Wochen sind wir nun hier. Davon war ich die meiste Zeit nicht Ich-Selbst. In meinem Kopf herrschte ein Durcheinander. Ich versuche es in Worte zu fassen.

Am ersten Tag in Kampot, Kambodscha suchte ich uns eine kinderfreundliche, sichere Unterkunft. Die fand ich auch sehr schnell. Es tat uns gut, einen Ort zu haben, uns einzurichten. Am Stadtrand zu wohnen und Natur um uns zu haben. Ich stellte nach einer Woche fest, dass ich total „westlich“ dachte und mich immer noch nicht zugehörig fühlte. Schon ein wenig mehr angekommen in Südostasien, aber noch nicht angekommen unter den Auswanderern hier. Oder in mir.

Aussteigerleben in Kampot

Ich suchte super schnell nach Kontakten. Das war auch sehr einfach über Facebook und wir trafen sehr schnell den ein oder anderen Auswanderer und andere Familien. Diese Kontakte taten mir nie sonderlich gut. Ich konnte erst teilweise nicht genau sagen warum, doch dann fiel mir auf, hart gesagt: Dann hätte ich ja auch in Deutschland bleiben können. Mich störte vor allem, dass die Leute hier so locker mit Alkohol umgehen. Es wird dauernd gesoffen. Viele, vor allem die Älteren rauchen und kiffen viel und im Beisein anderer. Es ist vollkommen normal. Das interessiert nicht, dass da ein Kind dabei ist. Es wird keine Rücksicht genommen. Das geht für mich gar nicht!

Das liebe Geld

Was das Geld anging, war ich total gestresst und blockiert. Ich begann eine Liste mit täglichen Aussagen zu führen und kam 11 Euro Fixkosten pro Tag. Die 15 Euro pro Tag auszugeben, die ich mir gewünscht hatte als Grenze, waren schwerer umzusetzen, als ich dachte. Ich bekam den wertvollen Tipp von der Stephanie von http://www.freileben.net, mir einen Reiskocher anzuschaffen, was ich auch prompt tat und kochte nun preiswerte One Pot Gerichte. Auch Nudeln und Spiegeleier kann man darin zubereiten, wenn man weiß wie 😊 Das führte natürlich auch dazu, dass wir nicht mehr einheimisch Essen gingen und dadurch weniger in Kontakt kamen. Ich habe mich dann locker gemacht und zu mir gesagt, 20 Euro pro Tag sind auch ok. Nicht jeden Tag, aber es ist in Ordnung. Es ist nur Geld. Ich möchte meine Einstellung zu Geld positiver gestalten und daran arbeite ich gerade.

Das Mama-Monster in mir

Vor einigen Tagen hatte ich einen Blogbeitrag verfasst, der meine Entscheidung meine Tochter in einen einheimischen Kindergarten gesteckt zu haben, erläutern sollte. Hier gibt es keinen Link, da es dazu nicht gekommen ist. Ich mag dir mal erzählen, was da in mir vorging.

Ich wurde würde ich sagen zum Mama-Monster. Ich fühlte mich, wie gesagt, die letzten Wochen zunehmend gestresst und unruhig. An Weihnachten machte ich die Bekanntschaft einer christlichen Gruppe von Familien, die mir von ihrem Montessori-Kindergarten vorschwärmten. Der kostete nur 30$\Monat. Ich dachte: „Wow, krass. An sowas hatte ich ja gar nicht gedacht. Wow, das ist ja günstig, das könnte ich mir leisten.“ Und so kam der Stein ins Rollen. Ich behielt es für mich, überlegte erstmal und erzählte es dann nur wenigen Leuten im persönlichen Umfeld.  Die Stimmen von innen und außen predigten mir, dass es richtig sei sie dahin zu geben. Und ich war überzeugt davon, dass es auch eine Form der Selbstliebe sei, sie dahin zu bringen, um mich um mich selbst zu kümmern. Denn so könne ich mich auch gut um sie kümmern und wieder stressfreier da sein in gemeinsamen Momenten.

Aber es tauchten auch andere Stimmen in mir auf, die meine Tochter zunehmend von mir wegstießen: „Auch wenn sie weint, ich geh dann einfach. Ich brauche mal meine Ruhe! Ich kann so nicht mehr!“ etc.

Es sollte bei dem Kindergartenbesuch ja eh nur um 1-2 Monate gehen, bis ein anderes Projekt startet. Also besichtigten wir einen ausgewählten, internationalen Kindergarten für 3 Stunden.

Ablauf im Kindergarten

Es gibt hier keinen Kindergarten, wie wir ihn aus Deutschland kennen. Ich würde eher von einer Vorschule für ganz Kleine sprechen. Dementsprechend ist der Tagesablauf strukturiert: Morgenkreis 30 min. (Singen und Tanzen zu englischen Songs), dann English Class für eine Stunde (spielerisch Englisch lernen), Snack Time, Spielzeit und wieder eine kurze English Class (30 min). Dann ist Abholzeit. Es gibt aber keine Verpflichtung mitzumachen. Essen bringt man selbst mit. Meiner Kleinen gefiel es ganz gut dort, sie sagte jedoch auch immer wieder, dass ich nicht wegfahren soll und suchte mich, wenn ich mich abseits setzte. Einen schönen Moment gab es, als die Lehrerin sich Zeit nahm, das Blatt zum Buchstaben F mit ihr durchzugehen und sie mir das ganz Stolz zeigte und die englischen Wörter wiederholte.

Austausch

Einen Tag danach traf ich mich mit einer alternativen deutschen Familie, die ich übers Internet kennengelernt hatte und die schon lange hier auf dem Land lebt. Wir haben viele gemeinsame Vorstellungen. Sie luden uns auf die Farm ein für April. Zum gemeinsamen Leben und Arbeiten. Wir unterhielten uns und sie fragte mich, warum ich eigentlich so gestresst sei, was genau los ist. Ich sagte, dass ich vor Monaten in Deutschland noch genauso dachte: Pro Kita- und Schulfrei, Alternative Lebensweise, Bedürfnisorientiert, Unerzogen … und dass ich mich gerade anders verhalte.

Dass ich meckere, schimpfe, „Wenn, dann..“ Sätze benutze (die auch noch super funktionierten 😞) und mich irgendwie verloren habe.

Sie schlug vor, dass wir ja die kommenden Tage auf eine andere Farm gehen könnten, um da mal reinzuschnuppern, bevor ich sie in den Kindergarten bringe. Ich war erstmal total dicht. Dachte: „Nein, ich muss erstmal durchatmen bevor ich sowas starte.“

Die Wendung zurück zur Liebe

Nachts dachte ich dann etwas nach. Dann fiel mir folgendes ein. In Deutschland war mein Leitsatz „Was würde die Liebe tun?“ Denn ganz ehrlich, nur darum geht’s im Leben. Um die Liebe. Und die würde meine Tochter gewiss nicht von mir wegstoßen, sondern eher den Fokus wieder auf sie richten und das was sie braucht. Sie wieder mehr begleiten. Denn sie ist erst fast 3 Jahre alt. Sie braucht mich doch noch so stark. Sie hat außerdem nur mich. Und zudem sind wir in einem fremden Land.

Raus aus der Komfortzone

Und nun ist es dann endlich so weit, dass ich mich abseits des westlichen Standards hier begeben möchte und wir als Freiwillige auf eine Farm gehen. Mit minimalistischem Standard (z.B. ohne warmes Wasser und Wifi) und endlich in Kontakt mit dem richtigen Leben hier kommen. Abseits der Stadt. Dass ich der Angst, mich irgendwo zu binden und länger zu bleiben ins Gesicht sehen möchte. Genauso wie den Selbstzweifeln, die auftauchen, wenn ich mit anderen Menschen auf engstem Raum lebe.

Ich bin hier um zu wachsen. Ich habe viele alte Wunden in mir, die es zu heilen gilt. Und das möchte ich tief in mir MIT meiner Tochter an meiner Seite und nicht voneinander entfernt.

Und mein Wunsch nach Zeit für mich?

Ja, der ist natürlich dennoch da. Aber ich möchte einen anderen Weg finden und hoffe auf eine gute gemeinsame Zeit zusammen auf der Farm. Bei gemeinsamen Aufgaben, die uns beide gut beschäftigen und weiterbringen. Irgendwann kommt schon wieder die Zeit für mich. Ich bemühe mich im Hier und Jetzt zu bleiben und zu schauen, was uns am jeweiligen Tag guttut.

Und plötzlich fühle ich mich nicht mehr wütend, gereizt und neben mir. Wie das Mama-Monster, das ich war. Sondern wieder wie ich selbst und wie die Mama, die ich sein will.

Auf Augenhöhe mit ihrer Tochter.

Hier der Link zum Youtube Kanal der deutschen Aussteigerfamilie: https://www.youtube.com/channel/UCypO-aKnIQpgFbrBgJKTZAg Sie erzählen von ihren Reisen, dem Leben auf der Ökofarm und Themen wie Nachhaltigkeit und Langzeitstillen. Schau gern mal rein.

Ein Kommentar

  • Julia

    Puh, das klingt nach einer sehr bewegenden Zeit. Wahnsinn, wie du das alles in so kurzer Zeit bearbeitest. Mir wird schon vom Lesen ganz schwindelig 😉
    Und ich finde es wunderbar, wie du dich entschieden hast. Was für ein schöner Leitspruch ❤

    Ich wünsche euch, ein baldiges Ankommen und eine tolle Zeit. Liebe Grüße,
    Julia

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