langzeitreise
Langzeitreise

Gefühlslage vor der Abreise

Die letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Das hat aber nicht nur mit der Aufregung zu tun. Meine Gefühle sind durcheinander. Es ist ein Hin und Her. Abschiede, dann „keine Abschiede“, wie manche Freunde es nennen, es ist ein komisches Gefühl.

Und dann ist da dieser eine Mann.

Der Stoff aus dem Kitschromane sind

Manchmal, und da bin ich wahrscheinlich nicht die einzige, stell ich mir vor, wie toll diese Geschichte doch für einen Kitschroman geeignet wäre.

Keine 10 Tage bevor ich das Land auf unbestimmte Zeit verlasse, rückt dieser Mann das erste Mal seit wir uns kennen, so richtig mit seinen Gefühlen raus. Nicht in direkter, sondern in schriftlicher Form. Aber das ist unwichtig. Es stockt mir der Atem. Nach vielen Monaten kann ich endlich mal wieder weinen. Wir kennen uns sooo viele Jahre und wohnen schon immer von einander entfernt. Haben irgendwie oft versucht zu einander zu finden und sind, wie man sagen könnte, immer wieder auf halber Strecke „gescheitert“.

Glaubenssätze

Ich bin sehr oft weggerannt. Weit und schnell. Ich bin eine wahre Meisterin darin (gewesen). Das konnte ich echt gut. Eine Sache, die man mir von klein auf beigebracht hatte : „Wenn dir jemand zu nahe kommt und dich verletzbar macht, greife an oder lauf weg.“ Traurig. Mies. Problematisch.

Der Preis dafür? Ich hab Angst vor Bindungen. Dieser Mensch musste sie oft erleben. Ich bin in den Zwanzigern schon wegen der Uni in ein anderes Land gegangen, hatte mich immer wieder für jemand anderen oder das Alleinsein entschieden.

Nun geht es aber nicht nur mir so. Auch er befindet sich hinter Mauern aus dickstem Stahlbeton, die kein Panzer so einfach zu zerstören scheint. Die bieten Schutz vor allem.

Sind wir doch beide Menschen, die leider nicht so bindungsfähig und mutig hinsichtlich der eigenen Gefühlen sind. Die immer wieder Angst haben. Die oft verletzt wurden. Die sich immer wieder verstecken (wollen). Und dennoch nicht loslassen können.

Das Leben ist manchmal kein Ponyhof

Das Leben ist aber leider kein Kitschroman. Niemand  schreibt es für dich und verrät dir das Ende. Und so muss ich trotz dieser Worte, die ich schon seit so vielen Jahren hören wollte, in dieses Flugzeug steigen und daran festhalten, was mein Herz sich sonst noch alles für mich und meine Tochter wünscht.

Ich kann mich nur weiter im Vertrauen üben, dass das alles einen Sinn hat und alles so kommen wird, wie es soll.

Und manchmal darf ich auch ein wenig traurig darüber sein. Und lernen verletzbar zu sein und nach vorne zu schauen.

EDIT: Am Tag vor dem Abflug bekam ich eine Nachricht von ihm, dass er in Berlin sei. Die Aufregung beherrschte mich den ganzen Tag. Am Abend trafen wir uns. Wir gingen gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt und redeten nach anfänglichem Zögern einigermaßen Klartext. Wir waren uns beide klar, dass wir derzeit nicht zueinender passen und ich meinen Weg gehen muss. Es war ein trauriger Abschied, aber es war okay für mich. Ich glaube einfach ganz tief, dass nichts ohne Grund geschieht und es Gründe dafür gibt, warum man nicht zueinander gefunden hat. Gleichzeitig sagte er mir, dass ich auf uns aufpassen soll und er da sei, wenn was ist und wir nach Deutschland kommen müssten. Das ist doch schön zu wissen.

Ein Kommentar

  • Katja

    Wahnsinn Jenny. Hört sich echt an wie aus einem Roman. Du hast Recht, das Ende wird nicht verraten. Aber eigentlich ist doch auch genau das das Spannende am Leben. Auch während des Lesens eines Romans. Man fiebert mit und ist gespannt wie es aus- oder weitergeht 🙂
    Drück dich!

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